Die Ankündigung

In Need of A Master

Politische Theologien im Zeitalter der Immanenz

Fachtagung des Ökumenischen Instituts Bochum in Kooperation mit der Hochschule für Philosophie München am 9. und 10. Mai 2019

Im Zeitalter postmoderner Ideologiekritik erweist sich die Korrelation von Transzendenz und Immanenz als zunehmend problematisch. Historisch vermittelte Phantasmagorien von Staat, Nation, Volk und Religion können nicht mehr auf ihre Verankerung in den Grundstrukturen der Wirklichkeit verweisen, sondern sind in ihrer Dogmatik als kontingent offengelegt. Auf diese Weise haben sie einer Kultur der Diversifizierung den Weg bereitet. Die Folgen sind zahlreich, denn was früher als skandalös und antisozial wahrgenommen wurde – z.B. Auftritte wie derjenige von Conchita Wurst beim Euro-Contest 2014 – gilt heute als prägendes Element zeitgenössischer Kultur. Neue Identitäten werden begrüßt und gefeiert, neue Freiheiten in Erziehung und Ausbildung teilweise bis vor Gericht erstritten, denn nun ist potentiell jede Kulturform, jede Identität scheinbar von Natur aus gut. An diesem postmodernen Prozess der Identitätsdiversifizierung ist jedoch nicht unbedingt etwas Befreiendes. Er kann nämlich auch für den Sieg eines neuen Relativismus stehen. Was dieser Prozess der Diversifizierung nicht sieht, ist, dass er von stillen ontologischen und kulturellen Voraussetzungen ausgeht, die er selbst in Frage stellt. Das ideologische Erbe (des ‚weißen Mannes‘, der ‚westlichen Kultur‘, der jüdisch-christlichen Theologien) soll zum Verstummen gebracht werden. Damit schwindet jedoch paradoxerweise zugleich der Verweis auf die abstrakte, ideologische und phantasmatische Idee einer Totalität, die – durch ihre ideologische Gewaltmacht – auch als Maßstab erst Identitäten zu klassifizieren fähig ist. Der moderne Relativismus kann dieses Paradox scheinbar nicht denken.

Die offene Gesellschaft der Dezentrierung mag dann zwar im freien Diskurs zur Suche nach ‚unserem‘ Ort in der symbolischen Ordnung auffordern, aber diese Suche kann trotzdem nicht (repräsentativ-)demokratisch vermittelt werden. Warum? Weil sie eine unmögliche Anstrengung verkörpert. Der Ort, der gefunden werden soll, ist einerseits einem weitverbreiteten Gemeinplatz zufolge konstitutiv leer. Aber das hindert ihn nicht, notwendigerweise mit dogmatischen Phantasmagorien, gewalttätigen Setzungen und Unzumutbarkeiten gefüllt werden zu müssen. Auch aufgrund dieser Notwendigkeit werden die spätmodernen Gesellschaften in ihrer sich selbst entleerenden und entäußernden gesellschaftlichen Praxis zunehmend durch reaktionär-konservative politische Bewegungen ‚heimgesucht‘. Aus der Sicht dieser Bewegungen erzeugt die nach-metaphysische Perspektive der Normengenese ‚aus‘, ‚in‘ und ‚durch‘ Kontingenz eine ins Tragische und in die Selbstaufhebung von Gemeinschaft und Ordnung tendierende Lebenshaltung.

Die Tagung möchte vor diesem Hintergrund und ausgehend von dieser Situationsbeschreibung die Hypothese zur Diskussion stellen, dass die Rückkehr autoritärer Ideologien, aber auch fundamentalistischer ‚politischer‘ Religionen sowie das Aufkommen eines neuen Stils postfaktischer Politik weniger als reaktionäres Rückzugsphänomen zu deuten sind, sondern als Symptom eines politischen Aufbruchs. Sie fragt daher nach einer neuen Politischen Theologie im Zeitalter der Immanenz.

Rebekka A. Klein

Dominik Finkelde

Eine ausführliche Beschreibung der wissenschaftlichen Zielsetzung der Tagung finden Sie im Bereich Download.